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die schönheit des unperfekten

Autorenbild: Iris Spörri
Iris Spörri
17. Juni
2 Min. Lesezeit

Ich bleibe oft bei Dingen stehen, an denen andere vielleicht vorbeigehen.

Bei einer kleinen Pflanze, die sich zwischen zwei Spalten ihren Weg ans Licht sucht.

Bei einem Ast, der alles andere als gerade gewachsen ist.

Bei Moos, das plötzlich hellgrün auf dem Waldboden leuchtet.

Oder bei einer Dahlie, die langsam beginnt, ihre Blüte zu öffnen.

Ich mag das Unperfekte.

Vielleicht gerade deshalb, weil unsere Welt so oft auf das Makellose schaut.

Auf gerade Linien.Perfekte Formen.Fehlerlose Oberflächen.

Die Natur macht das anders.

Kein Ast wächst nach Plan. Keine Blüte öffnet sich genau wie die andere. Gräser neigen sich, Blätter bekommen Flecken, Blumen verblühen.

Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – sind sie schön.

Auch bei meiner Arbeit im Atelier suche ich nicht nach Perfektion.

Ich mag Gräser, Blüten und Äste. Ich mag Materialien, die eine eigene Form mitbringen und sich nicht einfach unterordnen wollen.

Ein krummer Ast darf krumm bleiben.

Eine Blüte darf ihren ganz eigenen Platz finden.

Und manchmal ist es gerade das kleine, unscheinbare Stück Natur, das einem Werkstück seinen besonderen Charakter gibt.

Vielleicht ist das auch einer der Gründe, weshalb ich Dahlien so liebe.

Ihre Formen. Ihre Grössen. Ihre Farben. Und dieser wunderbare Kreislauf, den sie jedes Jahr aufs Neue durchlaufen: wachsen, blühen, verblühen, Samen bilden – und irgendwann beginnt alles wieder von vorne.

Die Natur muss nicht perfekt sein, um schön zu sein.

Und wir übrigens auch nicht.

Das erlebe ich immer wieder bei meinen floralen Auszeiten.

Am Anfang höre ich manchmal:

„Ich weiss nicht, ob ich das kann.“

Doch darum geht es bei mir gar nicht.

Du musst nichts perfekt machen. Du darfst ausprobieren. Eine Blüte wieder herausnehmen. Einen Ast anders setzen. Deine Meinung ändern.

Und irgendwann entsteht etwas, das vielleicht ganz anders aussieht als das Werkstück deiner Nachbarin.

Zum Glück.

Denn Schönheit ist persönlich.

Und vielleicht besteht die schönste Überraschung am Ende gar nicht darin, dass ein perfektes Werkstück entstanden ist.

Sondern darin, dass du darauf schaust und denkst:

Das habe ich gemacht. Und es gefällt mir.

Vielleicht sollten wir dem Unperfekten viel öfter eine Bühne geben.

In der Natur.

Beim Gestalten.

Und manchmal auch bei uns selbst.

 
 
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